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Wertschöpfung nicht länger Monopol der Wirtschaft? Der soziale und gemeinnützige Sektor braucht Aufwertung durch ein eigenes, vom Markt unabhängiges Verfahren für die Wertschöpfung. Wirtschaft
und Sozialwesen als gleichrangige ökonomische Partner. Fürsorgewirtschaftsgesetz
gefordert! ***** Ein fiktives Interview mit Gerhard Hein
Herr Hein, Sie üben Kritik
an der Wertschöpfung und bringen dabei die Not der Menschen ins Gespräch. Was
hat Not mit Wertschöpfung zu tun? Wertschöpfung hat ja eine Grundvoraussetzung. Ohne sie kann sie nicht
funktionieren. Die Voraussetzung ist das Vorhandensein von Not, nicht etwa
die Abwesenheit von Not. Das Wort Not benutze ich hier als Sammelbegriff. Es steht für die
großen, dringenden, als auch für die weniger großen, weniger dringenden
Bedürfnisse von einzelnen Menschen und der Allgemeinheit. - Ja, auch die
Allgemeinheit kann Not leiden. Wenn wir nichts zu essen haben, kein Dach über dem Kopf und keine
Kleidung, wenn wir krank sind oder wenn wir keine Arbeit und
Verdienstmöglichkeiten haben, dann sind wir echt in Not, dann sind wir arm
dran. Es muß dringend Abhilfe geschaffen werden. Wenn für die Allgemeinheit die soziale und gemeinnützige
Infrastruktur für Kommunikation und Verkehr, für Bildung, Gesundheit und
Altersversorgung, für die Förderung von Familie, Jugend, Kultur, Natur- und
Klimaschutz und für Beschäftigung fehlt oder unzureichend ausgebildet ist, -
auch dann sind wir in Not. Auch dann sind wir einzelnen Menschen arm dran. Es
muß dringend Abhilfe geschaffen werden.
Es geht mir also um die Not von einzelnen Menschen und es geht
mir um die Not der Allgemeinheit. Beide Nöte sind ja innig miteinander
vernetzt. Deshalb geht es mir besonders um das Thema Finanznot jener
Institutionen, die dazu berufen sind, Abhilfe zu schaffen, indem sie
Maßnahmen gegen die Not in unserer Gesellschaft ergreifen und durchsetzen.
Abhilfe bedeutet Arbeit und die kostet nun einmal Geld, welches nur selten
wirklich ausreichend zur Verfügung steht. Wir pflegen also einen
ausgesprochen ökonomischen Umgang mit der Not. Das kann man wohl sagen. Geld braucht die Not, um entstehen und
wachsen zu können. Aber auch Not braucht das Geld, um sich verflüchtigen zu
können. Nöte bedrohen unsere menschliche Existenz. Nöte zu beseitigen ist
deshalb ein ganz dringendes Bedürfnis und Anliegen. Wenn wir Nöte beseitigen wollen, müssen wir die Geburt des Geldes
verstehen, um aus diesem Verständnis Strategien entwickeln zu können. Bedürfnisse jeglicher Art wollen befriedigt werden. Das ist ein
Anreiz für den Handel: Geld im Tausch gegen benötigte Ware oder Leistung. Dabei sollen in der Regel finanzielle Gewinne entstehen. Das Geld
vermehrt sich. Wir sprechen von Wertschöpfung. Das Gewinnstreben selbst wird
vielen Menschen zu einem dringenden Bedürfnis. Selbstverständlich gibt es auch nachrangige Bedürfnisse und damit
einen Bedarf für Erzeugnisse, die nicht so unmittelbar lebensnotwendig sind
wie zum Beispiel das tägliche Brot oder das Dach über dem Kopf. Was als
lebensnotwendig gilt, kann im Einzelfall von Mensch zu Mensch sehr verschieden
sein. Bedürfnisse werden durch verlockende Angebote oft künstlich durch
Werbung geweckt. Doch auch oder gerade mit diesen nur mittelbar, mit diesen nicht zwingend notwendigen
Erzeugnissen werden Geld und Gewinne (und ggfs. Verluste) gemacht. Das kann jedoch
immer nur dann funktionieren, wenn zuvor die lebensnotwendigen Bedürfnisse
befriedigt worden sind. Die Unterscheidung zwischen lebensnotwendigem und dem nicht lebensnotwendigen (Luxus-)
Bedarf ist insofern wichtig, als sie deutlich macht, daß Geld in erster
Linie aus der Lebensnotwendigkeit
heraus gewonnen wird, und daß es dazu verhilft, die menschliche Existenz zu
sichern. Deshalb läßt sich ohne Übertreibung sagen: Not ist die Mutter des
Geldes! Geld wird aus Not geboren. Ohne Not gäbe es kein Geld. Wird die Not aber nicht
auch ausgenutzt? Sicher gibt es extreme Fälle, die aber gehören in den Bereich der
Kriminalität. Daß sich die Not der Menschen als stetig sprudelnde Quelle für
Wertschöpfung und Reichtum nutzen läßt, wurde in der Menschheitsgeschichte
schon früh erkannt: Selbst wer kein Geld hat, um seine Bedürfnisse
befriedigen zu können, wer also in Geldnot ist, konnte schon damals wie heute
von einem Geldverleiher bzw. von einer Bank das Geld unter bestimmten
Voraussetzungen (Kreditwürdigkeit), Bedingungen (Sicherheiten) und strengen
Auflagen (Rückzahlung mit Zinsen) geliehen bekommen. Mit dem geliehenen Geld
konnte und kann er sich selbst wieder am Wertschöpfungsprozeß beteiligen mit
dem Ziel, wieder Gewinne zu machen.
Aus der Not Geld zu machen läßt sich heutzutage sogar automatisieren.
Denken wir doch nur an die Kontoüberziehung und die hohen Überziehungszinsen! Auch diese moderne Praxis macht deutlich: Not ist die Mutter des Geldes. Not und menschliche Bedürfnisse
jeglicher Art, die befriedigt werden wollen, ermöglichen Wertschöpfung,
finanzielle Gewinne und Vermögensbildung, kurz: das Wachstum des Geldes. Dieser der Marktwirtschaft inne wohnende Automatismus sorgt wohl
dafür, daß meiner Meinung nach viel zu wenig ernsthafte Anstrengungen gemacht
werden, die Ursachen und Folgen von Armut zu beseitigen. Sie haben schon vor Jahren
gesagt, daß ein großer, wenn nicht der weit überwiegende Teil der Bevölkerung
bzw. der Allgemeinheit hinsichtlich der Wertschöpfung vernachlässigt werde.
Es habe doch jeder ein Recht auf Wertschöpfung. Doch vorweg noch die
Frage: Wen verstehen Sie unter der Allgemeinheit? Unter Allgemeinheit verstehe ich hier alle Bürgerinnen und Bürger
unseres Landes, ob sie nun wirtschaftlich aktiv sind, oder nicht. Sie haben
ihre demokratisch legitimierten Vertreter in Bund, Ländern und Gemeinden. Und
damit hat die Allgemeinheit ein Recht zur Gestaltung von Art und Weise der
Wertschöpfung. Das Recht darf
sie sich nicht von Einzelinteressen aus der Hand nehmen lassen, indem
behauptet wird, daß es nur die eine Methode gäbe, nämlich Marktwirtschaft. Das halte ich für völlig absurd. Daneben, ich sage ausdrücklich
daneben, sind durchaus noch andere Methoden für die Wertschöpfung denkbar. Hier ist Erfindungsreichtum und politischer Gestaltungswille gefragt. Und es hat jeder Mensch
ein Recht auf Wertschöpfung. Das Recht ja, doch häufig genug nicht die praktische Möglichkeit! Aktiv beteiligen an der Wertschöpfung bzw. am Geld verdienen kann
sich ja nur ein Teil der Bevölkerung. Für den passiven Teil, für die
Schwachen in unserer Gesellschaft (Kinder, Alte, Kranke, Arbeitslose usw.)
müssen das stellvertretend die
aktiven Menschen tun. Bislang ist es so geregelt, daß die wirtschaftlich aktiven Menschen
einen gesetzlichen Anteil ihrer finanziellen Einkünfte als Steuern und
Sozialbeiträge abführen. (Das sehen viele Aktive gar nicht gern, weil sie
meinen, sie würden geschröpft!). Aus dem von ihnen abgelieferten Anteil werden nicht nur die sozialen
und gemeinnützigen Leistungen für die Anspruchsberechtigten (Personen und
Allgemeinheit) bezahlt, sondern auch die Arbeit der Leistungsträger. Mit
Leistungsträger sind hier die
Behörden und bestimmte Institutionen gemeint, also diejenigen, die
sich um die Anspruchsberechtigten zu kümmern haben. Überspitzt ausgedrückt läßt sich sagen, daß sowohl die
Anspruchsberechtigten, als auch die vorgenannten Leistungsträger von den
Almosen des wirtschaftlich aktiven Bevölkerungsteils leben und abhängig sind!
– Muß das wirklich so sein? Es stellt sich bei dieser
Lage also zwangsläufig die Frage, ob und wie das herkömmliche System zur
Finanzierung der sozialen und gemeinnützigen Aufgaben den heutigen Erfordernissen
angepaßt werden könnte? Ja, genau das ist der Punkt! – Schauen wir mal: Im Hinblick auf die Fähigkeit und Eignung zur Wertschöpfung sehen
wir, daß es zwei Arten von Produzenten bzw. Leistungsträgern gibt: 1.
Wirtschaftsunternehmen (auch Erwerbstätige und Kapitaleigner), welche
das Geld für ihre eigenen Ziele und Zwecke sowie für die gesetzlich
verordneten Abgaben auf dem Markt verdienen und ausgeben. Sie sind die
Wertschöpfer. 2.
Sozialunternehmen, damit meine ich Behörden und gemeinnützige Institutionen welche die von den Vorgenannten
verdienten Abgaben – und evtl. Spendengelder – für soziale und gemeinnützige
Aufgaben ausgeben. Sie werden allgemein als Wertverbraucher angesehen. Könnten sie vielleicht zu Wertschöpfern umfunktioniert werden? Wenn wir genau hinsehen, haben doch Wirtschaftsunternehmen und
Sozialunternehmen zumindest in
einem Punkt etwas sehr Wichtiges gemeinsam: Beide befriedigen mit ihren
Leistungsangeboten die Bedürfnisse von Menschen. Beide sind produktiv! Der Unterschied jedoch besteht darin, daß die Wirtschaftsunternehmen
Geld verdienen dürfen, die Sozialunternehmen aber grundsätzlich nicht. Sozialunternehmen sind finanziell und damit im Hinblick auf ihre
Gestaltungsmöglichkeiten und auf ihren Auftrag total vom Wertschöpfungspotenzial
der Wirtschaft abhängig. Bei ihrem Gewinnstreben nutzen die Wirtschaftsunternehmen – oft unter
dem Druck des Wettbewerbs - in ihrem berechtigten Eigeninteresse die
Bedürfnisse der Menschen bis zur Grenze des Möglichen zur Wertschöpfung aus.
Bei solcher Vorgehensweise können sie natürlich nicht auch noch die sozialen
und gemeinnützigen Bedürfnisse und Interessen der Allgemeinheit mit
berücksichtigen. Das notwendigerweise an Gewinnmaximierung orientierte Streben reicht nicht
aus, um daneben eine bedarfsgerechte Finanzierung
der sozialen und gemeinnützigen Aufgaben zu sichern. Wir brauchen zusätzlich ein Streben, welches nicht den finanziellen
Gewinn, sondern die Maximierung des gemeinen Nutzens zum Ziel hat! Es muß ganz einfach möglich sein, soziale und gemeinnützige Maßnahmen
bedarfsgerecht zu gestalten,
einzuführen und auch – als zwingende Voraussetzung – bedarfsgerecht zu finanzieren. Mit anderen Worten, in
unserem Wirtschafts- und Sozialleben brauchen wir eine neue, eine bessere
Arbeitsteilung. Ja. Die seit über zweitausend Jahre alte Möglichkeit, aus der Not und den
Bedürfnissen von Menschen das Tauschmittel Geld zu machen, darf in einer demokratischen Gesellschaft
nicht das Monopol der Marktwirtschaft bleiben. Auch unsere demokratisch eingesetzten und gebildeten Instanzen wie
Behörden und gemeinnützige Institutionen sollten im Interesse des Gemeinwohls
die Möglichkeit und den Auftrag zur Wertschöpfung bekommen. Und zwar durch
eine eigenständige, gesetzliche Grundlage, welche die Methode für eine
Wertschöpfung ohne den Umweg über den Markt regelt. Damit diese Instanzen
endlich in die Lage versetzt werden, soziale und gemeinnützige Maßnahmen so
zu finanzieren und zu verwirklichen, wie es dem aktuellen und zugleich
zukunftsorientierten Bedarf entspricht. Und wie könnte diese
Methode in der Praxis aussehen? Die schon erwähnten Sozialunternehmen (SU) produzieren keine Waren,
sondern Leistungen für das Gemeinwohl. Sie sind Auftraggeber. Sie handeln im Auftrag von Gesetz und Satzung. Sie sind in einem
öffentlichen Register nachzuweisen. Und sie unterliegen der Kontrolle des
Rechnungshofes. Bei Aufträgen an Wirtschaftsunternehmen ist es wichtig, daß die
geltenden Wettbewerbsvorschriften strikt eingehalten werden. SU sorgen dafür, daß z.B. Sozialhilfe, Maßnahmen für Bildung,
Gesundheit Denkmal-, Umwelt- und Klimaschutz, Förderung von Arbeit, Jugend,
Familie, soziale Sicherheit, Altersversorgung, Verkehrsinfrastruktur,
Völkerverständigung und vieles mehr bedarfsgerecht finanziert werden können. Bedarfsgerecht meint, daß Geld für den Auftrag grundsätzlich nur
personen- und projektbezogen ausgegeben wird. Die SU, die ja Selbstkosten
(Personal- und Sachkosten) haben, werden ebenfalls wie ein Projekt behandelt. Den SU wird kein Etat zugewiesen. Sie dürfen kein Vermögen bilden.
Sie stehen nicht in Konkurrenz zur freien Marktwirtschaft. Das Geld für die
von den SU erteilten Aufträgen gelangt zu 100% in den Wirtschaftskreislauf. Die Gesamtsumme aus Auftragskosten und den Selbstkosten der SU ist
die Wertschöpfung. Für die Wertschöpfung der SU gilt ein spezielles
Buchführungsverfahren im Zusammenwirken mit der Deutschen Bundesbank. Im Prinzip ist es ja die gleiche Summe, die aus den Steuern stammt,
die herkömmlicherweise von den Erwerbstätigen, Unternehmen und Kapitaleignern
auf dem Markt erwirtschaftet werden. Die herkömmliche Verfahrensweise belastet Wirtschaft und
Erwerbstätige und deckt in der Regel nicht den tatsächlichen Finanzbedarf der
sozialen und gemeinnützigen Maßnahmen. Her Hein, fassen Sie bitte
noch einmal die wichtigsten Punkte kurz zusammen. Ja, gern. Es sind sechs Punkte: 1.
Der Markt allein hilft den Armen nicht. 2.
Für die Finanzierung und Verwirklichung von sozialen und
gemeinnützigen Aufgaben brauchen wir – neben
(!) der freien Marktwirtschaft - ein weiteres Wertschöpfungssystem. 3.
Für dieses zweite System wird eine gesetzliche Grundlage benötigt.
Ich schlage ein Fürsorgewirtschaftsgesetz vor. 4.
Wertschöpfungen nach dem Fürsorgewirtschaftsgesetz sind
Investitionen, welche Binnennachfrage erzeugen. 5.
Die Systeme Fürsorgewirtschaft und Marktwirtschaft brauchen einander. 6.
Wir selbst müssen die
Spielregeln aufstellen, die das Gemeinwohl schützen und fördern. Herr Hein, wir danken
Ihnen für das Gespräch. Weiteres zum Thema siehe
unter Funktionsmodell Fürsorgewirtschaft Autor: Gerhard
Hein (Stand:
31.01.2008)
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